Die Orgel
ein Werdegang von mehr als 2000 Jahren

Über den Ursprung der Orgel in der hellenistischen Antike sind wir erstaunlich gut unterrichtet: Im 3. Jh. v. Chr. - einige Quellen geben sogar präzise das Jahr 246 v. Chr. an - konstruierte Ktesibios aus Alexandrien, ein Mechaniker - oder wie wir heute eher sagen würden, ein Ingenieur - ein neuartiges Musikinstrument, das er Hydmulos ("Wasser-Aulos") nannte und mit dem er bei seinen Zeitgenossen große Aufmerksamkeit erregte. Es vereinigte mehrere "Auloi" (griechisch: Röhre), jenes damals im Mittelmeerraum sehr gebräuchliche und verbreitete Blasinstrument mit Doppelrohrblatt, zu einer ganzen Reihe. Durch Schieber, die die Luftzufuhr regelten, konnte jeder einzelne dieser Auloi zum Klingen gebracht werden. Die zum Anblasen nötige Druckluft wurde durch Pumpen erzeugt, deren Regulierung in einem auffallend großen Wasserbehälter erfolgte. Daher begegnet uns dieses Instrument als „organum hydraulicum", übersetzt als „Wasserorgel", in literarischen Quellen aus der Antike ebenso wie in zahlreichen bildlichen Darstellungen. Wenn sie auch auf den ersten Blick nur wenig Ähnlichkeit mit einer uns vertrauten Orgel hat, so vereint sie doch in sich drei wesentliche Baumerkmale, nämlich Pfeifen, Mechanik und Gebläse, die im Grunde auch die heutige Orgel ausmachen.

Antike

Liest man, dass die antike „Wasserorgel" vornehmlich am Kaiserhof und im Zirkus in Gebrauch war, stellt man sich natürlich die Frage, wie es dazu kam, dass die Orgel in späterer Zeit zum kirchlichen Musikinstrument par excellence wurde, als das wir sie heute betrachten. In groben Zügen lässt sich dieser Vorgang so skizzierten: Nach dem Niedergang des weströmischen Reiches lebte der Gebrauch der Orgel in Ostrom, in Byzanz, fort. Orgelspiel wurde dort zu einem festen Bestandteil des Hofzeremoniells: Während der Kaiser sprach, ertönte dazu die Orgel. Ihr Klingen wurde als Vereinigung der Stimmen des Kosmos, als Realisierung der Sphärenharmonie begriffen. Demzufolge brachte das Orgelspiel während des Kaiserkults zum Ausdruck: Wenn der Kaiser-Gott spricht, dann klingt zugleich der Kosmos. Die Orgel symbolisierte somit Stimme und universalen Herrschaftsanspruch des Imperators.

Diese byzantinische Anschauung übertrug man in Rom auf die universale Herrschaft Christi bzw. auf die seines Stellvertreters: Was dem Kaiser recht war, konnte dem Papst billig sein. So wurde die Orgel in die Papstliturgie übernommen, und von daher verbreitete sie sich im frühen Mittelalter in weiteren Bischofskirchen und Abteien.

Mittelalter und Barock

Zu Beginn des Orgelbaus im Bereich unserer Erzdiözese steht ein Schreiben von Papst Johannes VIII aus dem Jahre 873, in welchem er vom Freisinger Bischof Hanno ein „Optimum organum cum artifice", also eine sehr gute Orgel samt Künstler erbittet. Wenn hiermit wirklich eine Orgel mit ihrem Hersteller bzw. Spieler gemeint sein sollte, dann musste der Orgelbau bereits in dieser Zeit nördlich der Alpen verbreitet gewesen sein, und zwar auf exemplarischem Niveau.

Im Verlauf des Mittelalters wuchsen der Orgel zahlreiche Erfindungen zu, mit denen Winderzeugung, Mechanik, Pfeifenbau und Registeraufteilung sowie die äußere Architektur verbessert und vervollkommnet wurden. So präsentierte sich die Orgel im ausgehenden Mittelalter schon etwa so, wie wir sie heute kennen. In der Tat gehen die ältesten noch vorhandenen lnstrumente auf diese Zeit zurück, darunter die um 1435 zu datierende älteste gebrauchsfähige Orgel in der Valeria-Kirche zu Sion/Schweiz oder die 1471/75 errichtete Epistenorgel von San Petronio in Bologna/Italien. In unseren Breiten dürfte die 1558 von Meister Jörg Ebert aus Ravensburg fertiggestellte Orgel der Hofkirche lnnsbruck das älteste heute noch erhaltene Instrument sein.

Die Prachtentfaltung des Barockzeitalters erstreckte sich auch auf den Bau schöner und kostbarer Orgeln, bei denen der mit Figuren, musizierenden Engeln und vergoldeten Schnitzereien reich dekorierte Prospekt nicht selten teurer zu stehen kam als das eigentliche Orgelwerk. Zu den wertvollsten erhaltenen Instrumenten aus dem 18 Jh. zählen in Süddeutschland die Hauptorgel der Klosterkirche Fürstenfeld (1736 - Johann Fux), die Chororgel von Ottobeuren (1766 - Karl Riepp) und die große Orgel der Basilika Weingarten (1750 -Joseph Gabler). Von vielen Orgeln aus dieser baufreudigen Zeit blieb allerdings nur deren Schauseite, der Prospekt, erhalten, während das dahinter eingebaute Werk entsprechend dem jeweiligen musikalischen Geschmack verändert oder ganz erneuert wurde.

Neuzeit

Mit der Säkularisation von 1802/03 kamen der Kirchenbau und damit auch der Orgelbau in Süddeutschland weitgehend zum Erliegen. Erst in der zweiten Jahrhunderthälfte setzte wieder Orgelbau in breiterem Umfang ein. lm Zeitalter des technischen Fortschritts und eines fabrikartig betriebenen Orgelbaus fanden viele neuartige Konstruktionen und Patente Anwendung. In Deutschland verdrängte ein neuer Windladentyp, die Kegellade, die seit Jahrhunderten gebräuchliche Schleiflade. Schließlich wurde gegen Ende des Jahrhunderts die mechanische Spieltraktur zugunsten der pneumatischen und später der elektrischen Steuerung aufgegeben.

Einer der ersten, der an den modernen Orgeln, „obwohl sie als Wunder fortgeschrittener Technik gepriesen wurden", keinen Gefallen finden konnte, war zu Beginn unseres Jahrhunderts Albert Schweizer. Seine Forderung, sich wieder stärker an den einfacheren „klassischen" Bauprinzipien der alten Meister zu orientieren, mündete in die breitere Strömung der so genannten Orgelbewegung. Diese bemühte sich seit den zwanziger Jahren, einen Verzicht auf Überfrachtung der Orgel mit oft kurzlebigen technischen „Accessoires" zu erreichen und mit einer veränderten Dispositionsweise dem schönen, lebendigen Klang der alten Orgeln wieder näher zu kommen. Solche Bestrebungen wurden in Deutschland allerdings durch den 2. Weltkrieg und seine Folgen verzögert.

Die Problematik des Umbruchs im deutschen Orgelbau unseres Jahrhunderts wird auch an der Situation von St. Bernhard deutlich; erhielt die Kirche doch nach nur 32 Jahren schon das zweite Orgelwerk. Zeitbedingte technische und konzeptionelle Mängel der alten Orgel galten vor allem als Ursache – hier wären einerseits neben der asymmetrischen Aufstellung die mit Litzen statt mit herkömmlichen Abstrakten konstruierte Spieltraktur zu nennen. Andererseits zeigten aber auch klangliche Schwächen des Instrumentes, dass ein bloßer Umbau nicht mehr Erfolg versprechend sein konnte.

Die neue Orgel aus der traditionsreichen Werkstätte Rieger (Schwarzach/ Vorarlberg) bietet mit ihrer Bauweise – jedenfalls nach menschlichem Ermessen - die Gewähr ihres Bestandes über mehrere Generationen hinweg. Mit durchkonstruierter mechanischer Spiel- und Registertraktur in Schleifladenbauweise und sorgfältig gefertigten und intonierten Pfeifen wurden die bewährten jahrhundertelang gebräuchlichen Baumethoden wieder aufgegriffen, für deren Dauerhaftigkeit viele historische Instrumente Zeugnis ablegen.

Die Disposition, d.h. die Zusammenstellung der Register, ist keinem bestimmten musikalischen Stil verpflichtet sondern nach vielen Seiten hin offen. So wird sie den vielschichtigen Erfordernissen der heutigen Kirchenmusik, wie dem Zusammenwirken mit Kantor und Gemeinde ebenso gerecht, wie der Harmonie mit Chor und Orchester. Unsere Orgel präsentiert sich mit einem geschlossenen, massiven Holzgehäuse, das die farbliche Gestaltung des Altarfreskos widerspiegelt, als ein modernes schönes Instrument mit lebendigem Klang.